A photograph is very often regarded as an image of reality; as an authentic and objective evidence of material being. A certain qualification for that indeed cannot be denied. However, in practice the chance to miss an authentic image is much higher. A photograph is lying, there is no way out. Besides all kinds of optical/technical deficiencies or possibilities, in fact the person behind the camera is the guilty one. Choosing a particular moment and detail automatically means withholding what is not being displayed.

“Reflective mind” is a series of thirteen photographs which fulfil the facts of an intentional selection. Each of these pictures represents one day in life reduced to one single memorable motive. The delict of manipulating the viewer by reducing the visual information cannot be punished in that case. MP´s intention corresponds to their concept: Due to the strictly introverted perspective the viewer is deprived of his efficiency to give an own interpretation.

MP are together experiencing and documenting a temporary period of time at a new place. This temporary kind of reality is based on the interaction of various physical and mental factors, which has an influence on the interaction of the two protagonists among themselves as well as with the outside world. The MP-specific observation of their own intimate perception results in choosing one significant picture at the end of each day. Some time later an additional level of reflection is placed over these pictures. This time the appropriate kind of feeling is being filtered, verbalised in letters and combined with the motive. The initial emotionally based selection of the motive is now being extended with a rational level of reflection and in this way loaded with additional content.

In this moment the motive loses its innocence and turns into a predefined and constructed reality. And in this moment the viewer is being released from his enacted apathy and invited to enrich the so far intimate togetherness of MP with his interpretation.

Gerhard Gross

 

Photographien werden gerne als Abbilder der Realität betrachtet. Als authentische, objektive Beweise materieller Begebenheiten. Eine gewisse Befähigung kann ihr in der Tat nicht abgesprochen werden. Doch die Praxis lehrt, daß die Chance, ein authentisches Abbild zu verfehlen als weit höher einzuschätzen ist. Photos lügen, sie haben gar keine andere Wahl. Neben allen optisch/technischen Unzulänglichkeiten und Möglichkeiten ist jedoch die Person hinter der Kamera der eigentliche Täter. Die Wahl des Moments und des Bildausschnittes bedeuten automatisch das Vorenthalten des Nicht-Abgebildeten.

„Reflective mind“ ist eine Serie von dreizehn Photographien, die jenen Tatbestand der vorsätzlichen Selektion erfüllt. Jedes dieser Bilder repräsentiert einen erlebten Tag reduziert auf ein einziges, prägendes Motiv. Das Vergehen einer Manipulation des Betrachters durch die Reduktion der visuellen Information kann hier jedoch nicht geahndet werden. MP´s Vorsatz entspricht der Programmatik des Konzepts: Auf Grund der streng nach innen gerichteten Perspektive wird dem Betrachter von vorn herein die Sinnhaftigkeit einer Eigeninterpretation genommen.

MP erleben und dokumentieren gemeinsam einen vorübergehenden Zeitraum an einem für sie neuen Ort. Diese temporäre Realität wird getragen vom Zusammenspiel verschiedenster physischer und mentaler Faktoren, die die Interaktion der Protagonisten nach innen wie auch nach außen beeinflussen. Die MP-spezifische Beobachtung eigener, intimer Wahrnehmungen resultiert in der Auswahl eines für sie bezeichnenden Bildmotivs, die am Ende jedes Tages durchgeführt wird. Mit einer gewissen zeitlichen Distanz erfahren die Bilder in der Folge eine zusätzliche Ebene der Reflexion. Es folgt der Versuch, die jeweilige Tagesbefindlichkeit herauszufiltern und textuell mit dem Bildmotiv zu verschränken. Die ursprünglich gefühlsmäßige Bild-Selektion wird auf diese Weise durch eine rational nachvollzogene Erweiterung inhaltlich aufgeladen.

In diesem Augenblick verliert das Bildmotiv seine Unschuld und wird zu einer definierten und konstruierten Realität. Und in diesem Augenblick wird der Betrachter aus seiner verordneten Teilnahmslosigkeit erlöst und eingeladen, die bisher intime Zweisamkeit von MP mit seinem Urteil zu bereichern.

Gerhard Gross

December 2004